Meine Essstörung & Ich – Erfahrungsberichte über Mögliche Ursachen Und Auslöser

Meine Essstörung & Ich – Erfahrungsberichte über mögliche Ursachen und Auslöser

Gestern hast du in Kera’s Artikel „Essen zwischen Freund und Feind“ fünf verschiedene Formen von Essstörungen kennengelernt sowie ein Bewusstsein dafür bekommen, wie du diese möglichst frühzeitig erkennen kannst.

Heute möchten wir dir durch 4 Fragen, die wir ehemaligen Betroffenen gestellt haben, die Vielseitigkeit und die Komplexität von Essstörungen bewusst machen. Jedes Suchtsystem ist individuell, deshalb sind auch die Motive und Sehnsüchte hinter einer Verhaltenssucht wie einer Essstörung sehr unterschiedlich. Natürlich gibt es hier und da auch Parallelen, die du sicherlich in den Antworten der ehemaligen Betroffenen erkennen wirst, doch die Innenwelt der jeweiligen Person ist dennoch immer einzigartig:

 

Marret Vögler-Mallok, Anorexie: „Rettungsanker und Todesurteil zugleich“

1. Gab es einen bestimmten Auslöser für deine Essstörung?

Marret: „Ich glaube, die Entstehung bzw. Ausprägung einer Essstörung ist immer multifaktoriell. Damals hätte ich das sicher nicht so benennen können, aber ich bin krank geworden zu einem Zeitpunkt, als klar war, nach dem Abi geht es weg von zu Hause für eine Ausbildung und damit verbunden ein eigenständiges Leben. Ich habe mir das zwar einerseits sehr gewünscht und mich darauf gefreut, gleichzeitig hatte ich aber auch Angst, unabhängig werden und meine Eltern allein lassen zu müssen. Irgendwie hatte ich das Gefühl, zuständig zu sein dafür, dass es allen gut geht. Und sich um mich selbst zu kümmern wäre irgendwie gleichbedeutend damit gewesen, die anderen auf sich allein gestellt zurück zu lassen. Durch die Anorexie musste ich diesen Schritt letztendlich nicht gehen.“

2. Was hat dir deine Essstörung damals bedeutet?

Marret: „Die Essstörung war vermeintlich das Einzige, was ich im Griff hatte, worüber ich die Kontrolle hatte (zumindest dachte ich das). Darin war ich gut, das hat mir Halt gegeben. Und gleichzeitig habe ich mich auch darin verloren, und irgendwann wurde ich von der Essstörung kontrolliert. In jedem Fall – das weiß ich heute – war die Anorexie mein Rettungsanker und Todesurteil zugleich. Krank zu werden hat mich davor bewahrt, rausgehen zu müssen in diese Erwachsenenwelt, die mir damals Angst gemacht hat. Und gleichzeitig war es Ausdruck des verzweifelten Versuches, aufmerksam zu machen auf das, was meine „kindlichen“ Schultern nicht tragen konnte. Im Magersüchtigsein war ich unglaublich stark, und gleichzeitig hat die Anorexie mich fast mein Leben gekostet.“

3. Welchen Einfluss hatten soziale Faktoren wie Beruf, Gesellschaft, Soziale Netzwerke und Medien auf deine Essstörung?

Marret: „Tatsächlich muss ich sagen, dass keiner der genannten Faktoren damals einen für mich wahrnehmbaren Einfluss auf die Anorexie hatten. Ich war immer schlank und hatte nicht den Wunsch, dünner zu sein, fühlte mich diesbezüglich nicht in Konkurrenz zu anderen jungen Mädchen, ob im direkten Umfeld oder aber in medialen Zusammenhängen. Ich bin in vielen Therapien zwar immer wieder mit diesen Themen in Kontakt gekommen, habe für mich aber nie das Gefühl gehabt, dass es bei meiner Essstörung vorrangig um das Dünnsein als Schönheitsideal ging.“

4. Wie haben deine Freunde und Familie auf deine Essstörung reagiert und wie ist dein Umfeld damit umgegangen?

Marret: „Ich komme aus einer Kleinstadt und bin anorektisch geworden zu einem Zeitpunkt, als Essstörungen noch nicht in aller Munde und auch nicht so stark in den Medien vertreten waren. Entsprechend war die Erkrankung für die meisten Menschen in meinem Umfeld sehr „fremd“ und sicher auch irgendwie „beängstigend“. Dazu kommt, dass ich -wie viele Magersüchtige- eine eher angepasste junge Frau und gute Schülerin war, mit Hobbies und vielen Talenten, wie es immer hieß. So hat keiner so richtig verstanden, warum gerade ich betroffen war.
Das habe ich oft gehört: Aber Marret ist doch so lieb, hübsch und vielseitig begabt, ihr stehen alle Türen offen. Warum nur sie?!
Die Anorexie hat relativ schnell dazu geführt, dass ich mich selbst zunehmend sozial isoliert habe. Mein Umfeld hatte es sicher nicht leicht, in dieser Zeit emotional zu mir durchzudringen. Ich habe dieZuneigung und Liebe, das ehrliche Interesse an meiner Gesundheit zwar gespürt, aber nicht verstanden, denn ich fand mich weder liebens- noch mein Leben lebenswert. Das kam erst ganz langsam wieder, nachdem ich bewusst oder unbewusst die Entscheidung getroffen hatte: Ich möchte noch nicht sterben, ich möchte leben. Ich wusste zwar damals noch nicht wie, aber ich war dank bereit Hilfe anzunehmen.“
 

Marret’s ganze Geschichte kannst du dir hier anhören: #28: Marret’s Reise – Ich war noch nie so dankbar für mein Leben wie jetzt!


Verena Hirsch, Anorexie: „Die Essstörung war meine beste Freundin“

1. Gab es einen bestimmten Auslöser für deine Essstörung?

Verena: „Den einen Auslöser gab es nicht, sondern es waren mehrere kleine Verursacher: mein sehr sensibler Charakter, familiäre Strukturen und Werte, zu wenig Aufmerksamkeit von den Eltern.“

2. Was hat dir deine Essstörung damals bedeutet?

Verena: „Die Essstörung war meine beste Freundin, ein Zufluchtsort, eigentlich eine Art Partner, auf den ich mich immer verlassen konnte und der immer bei mir war. Sie gab mir Sicherheit und Geborgenheit. Außerdem hatte ich sie für mich alleine und keiner konnte darauf Einfluss nehmen.“

3. Welchen Einfluss hatten soziale Faktoren wie Beruf, Gesellschaft, Soziale Netzwerke und Medien auf deine Essstörung?

Verena: „Mit sozialen Medien hatte ich zu Beginn meiner Krankheit noch keinen Kontakt. Der Leistungsdruck des Schulsystems und der Gesellschaft beeinflussten auf jeden Fall meinen Selbstwert enorm: Zur schlimmsten Zeit war eine 1 gerade mal „gut genug“ und „selbstverständlich“, bei jeder shclechteren Note, aber ich mir Vorwürfe gemacht, warum ich keine bessere Leistung erbracht habe und mich in meiner Person sehr abgewertet. Auch das gesellschaftliche Lob an schlanke Menschen bzw. Schönheitsideal hat mich beeinflusst.“

4. Wie haben deine Freunde und Familie auf deine Essstörung reagiert und wie ist dein Umfeld damit umgegangen?

Verena: „Sehr lange kam eigentlich neben Anerkennung des Gewichtsverlusts keine Reaktion. Kritisch wurden die Anmerkungen erst, als das Körpergewicht schon sehr niedrig wurde. Trotzdem wurde es vermehrt so hingenommen und ich wurde kaum angesprochen, ob etwas nicht in Ordnung sei.“

Verena’s ganze Geschichte kannst du dir hier anhören: #50: Verena’s Journey – Lass deine Essstörung hinter dir, der Weg lohnt sich


Sonja Vukovic, Bulimie: „Verletzung, Selbsthass, Überforderung“

1. Gab es einen bestimmten Auslöser für deine Essstörung?

Sonja: „Es gab, so kenne ich es auch von anderen Essgestörten, mehrere Gründe, die zusammen spielten. Ich bin mit einem süchtigen Vater großgeworden. Mein Vater ist Alkoholiker und während wir heute ein entspannt-distanziertes Verhältnis pflegen und ich seine Krankheit verstehe, war das natürlich anders, als ich Kind war. Da brachte diese Sucht meines Vaters viel Verletzung und das Unglück meiner Mutter und Instabilität und Ängste und zu viel Verantwortung für mich als Kind mit sich. Ich war auch ein eher pummeliges Kind, und Außenseiterin. Ich fand also auch keine Peergroup und das nutzte auch jemand aus. Zu meiner Geschichte gehört auch sexueller Missbrauch und alles zusammen, das Choas, die vielen Verletzungen, die Selbstzweifel und das fehlende Vertrauen in mich und die Welt, habe ich mit dem Essen und dem Gewicht zu kontrollieren versucht.“

2. Was hat dir deine Essstörung damals bedeutet?

Sonja: „Sie war lange Zeit meine einzige Möglichkeit, dem Ausdruck zu geben, was in mir drin tobte: Verletzung, Selbsthass, Überforderung. Es hat 13 Jahre Therapie gebraucht, Alternativen zu finden.“

3. Welchen Einfluss hatten soziale Faktoren wie Beruf, Gesellschaft, Soziale Netzwerke und Medien auf deine Essstörung?

Sonja: „Als ich krank wurde, 1998, war das mit den Sozialen Medien noch nicht so. GNTM gab es auch noch nicht. Aber im Fernsehen hatte ich immer Menschen gesehen, von denen ich dachte, ich wollte so sein wie sie. Sängerinnen, Schauspielerinnen, Berühmte, Beliebte. Das war aber nicht, dass ich ihnen nacheiferte, weil sie schön, sondern vermeintlich beliebt, also wertvoll, und glücklich waren. Dazu gehörte aber eben auch, dass sie schöne Menschen waren – und so wollte ich dann eben auch sein.“

4. Wie haben deine Freunde und Familie auf deine Essstörung reagiert und wie ist dein Umfeld damit umgegangen?

Sonja: „Mein Vater konnte natürlich nie damit umgehen, er hat mir immer große Vorwürfe gemacht. Meine Mutter war wirklich stark, finde ich im Nachhinein. Denn sie hat sicher viel mehr gelitten, als sie mir je gezeigt hat. Seit ich selbst Mama bin, verstehe ich erst, wie tief dieser Schmerz und wie groß die Ohnmacht sein muss, wenn dein KInd sich systematisch selbst zerstört. Darüber habe ich sogar mein drittes Buch geschrieben, sieben Geschichten von Eltern, deren Kinder süchtig waren – oder sind. Es ist das wohl Schlimmste, das einem als Mutter oder Vater passieren kann. Zum Glück hatte ich auch wirklich gute, echte Freunde. Und großartige Therapeuten. Ohne all diese Menschen hätte ich es nie geschafft, gesund zu werden.“

Sonja’s ganze Geschichte kannst du dir hier anhören: #41: Sonja’s Reise – Du bist gut, wie du bist, sagt die Liebe…


Ich möchte mich an dieser Stelle nochmal bei Marret, Verena und Sonja von ganzem Herzen für ihre Offenheit und ihr Vertrauen bedanken! Marret, Sonja und Verena waren mit ihren bisherigen Lebensgeschichten bereits zu Gast im SoulFood Journey Podcast. Außerdem habe ich Marret und Sonja vor Kurzem bei einem Filmdreh von Waage e.V. – Fachzentrum für Essstörungen in Hamburg persönlich kennengelernt, was eine wunderschöne Überraschung war.

Morgen an Tag 3 der „Bewusstseinswoche: Essstörung 2018“ erzählt dir Shirley Hartlage von Waage e.V. – Fachzentrum für Essstörungen, welche Möglichkeiten der Unterstützung es gibt und was du tun kannst, wenn du Anzeichen einer Essstörung bei dir selbst, Freunden oder Bekannten wahrnimmst.

Ein Hoch auf Uns!

Deine Kira

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.